Schmetterlinge züchten

Es ist für die Wissenschaft wichtiger, unsere heimischen Schmetterlingsarten zu züchten, als sie zu fangen. Viele biologische Fragen sind noch ungeklärt:

  • Wie, wo, wann, wie lange, in welcher Anzahl, unter welchen Umständen erfolgt die Eiablage?
  • Woran, wo unter welchen Umweltverhältnissen, wie lange, wie bei Nacht, wie am Tage leben die Raupen?
  • Wo, in welcher Form, wie lange, wie trocken, wie feucht, wie tief in der Erde erfolgt die Verpuppung, was fressen die Raupen?
  • Welche Raupenfliegen, welche Schlupfwespen treten selten oder häufig als Feinde auf?
  • Wann, wo, wie oft findet Begattung unter den Faltern statt?

Diese Fragen, die sich mannigfach vermehren lassen, können im wesentlichen nur durch Zuchten beantwortet werden. Einwandfreie Ergebnisse sind nicht nur für den Liebhaber und Wissenschaftler, sondern gelegentlich auch für die praktische Entomologie (Schädlingskunde) von Bedeutung.

Ebenso sind andere Gebiete allein dem Züchter vorbehalten. Dies gilt insbesondere für die Kreuzung zweier Arten (Hybridisierung), für die Fragen der Vererbung, für die Unterscheidung von erbfesten Rassen und umweltbeeinflussten Modifikationen, für die Erforschung der Inzucht und für die Feststellung der Variationsbreite einer Art. Ausgefallene Formen, die außerhalb der üblichen Variationsbreite liegen, treten erfahrungsgemäß vorwiegend bei Massenzuchten oder wiederholter Inzucht auf.

Große Serien an Faltern, die die Variabilität einer Art zeigen, die Kenntnis der Erbgänge und nicht zuletzt die einwandfreie Qualität der Tiere in der eigenen Sammlung sind nur durch Zuchten zu erlangen. Viele Arten sind leicht, andere nur unter Anwendung ganz bestimmter Methoden, ein Teil anscheinend überhaupt nicht in Gefangenschaft vom Ei oder der Raupe bis zum Falter zu bringen.

Nur genaueste Beobachtung der Natur und sinnvolle Übertragung der Freilandbedingungen auf die stets eingeengten, von vielen Umweltfaktoren abgeschlossenen Gefangenschaftsverhältnisse führen zu Erfolgen. Dabei muss beachtet werden, dass die Freilandbedingungen niemals vollständig imitiert werden können. Der Tagesgang der Temperatur und der Luftfeuchte in einem Einkochglas z.B. ist von dem einer Wiese sehr verschieden. Auch die Qualität der Futterpflanze ist am Standort verschieden von der im Zuchtbehälter.

Die Ausführungen zum Züchten beruhen auf langjährige Erfahrungen von Manfred Koch.

Manfred Koch (gest. 29.Mai 1972) stellte als wissenschaftlicher und organisatorischer Leiter der "Deutschen Forschungszentrale für Schmetterlingswanderungen in der ehemaligen DDR" die Theorie auf, dass die Wanderung der Schmetterlinge durch das Fehlen von Vitamin E (Tocopherol), das die Reifung der Keimdrüsen bewirkt, ausgelöst wird. Über das Problem veröffentlichte er zahlreiche Arbeiten.

Am Leibniz-Tag 1968 wurde er mit der Leibniz-Medallie für seine aufopferungsvolle Tätigkeit als Entomologe geehrt.

Die Ausführungen Kochs wurden größtenteils unverändert übernommen, was insbesondere auch den Bruch im Sprachstil begründet. Die teilweise etwas veraltete Sprache seiner Originalwerke wurden hier ihm zu Ehren nur geringfügig angepasst, wo es dem Webmaster erforderlich schien.

Trotz des Alters der Veröffentlichungen hat sich an den grundlegenden Erkenntnissen jedoch kaum etwas verändert. Zwar sind Hilfsmittel inzwischen technisch etwas moderner geworden, aber der Schmetterlingsfreund wird sich auch heute noch - oder gerade heute, wo das Auftreten der Schmetterlinge infolge Umwelteinflüsse zurückgegangen ist - "zu Fuß in die Natur begeben" müssen, möchte er den Schmetterlingen in ihrer gewohnten Umgebung begegnen. In diesem Sinne sind die vorliegenden Texte zum Züchten sicherlich auch heute noch eine wertvolle Lektüre für angehende Schmetterlingssammler.