Zucht von Spinnern

Erlangung des Zuchtmaterials

a) durch Eisuche und Eiablage: Die Lebensweise der zahlreichen Spinnerarten ist so verschieden, dass die folgenden Hinweise nur die normalen Vorgänge bei den häufigen Arten erfassen können. Die bei solchen Zuchten gewonnenen Erfahrungen kann der aufmerksame Beobachter mit entsprechender Abwandlung auf die Aufzucht vieler anderer Arten übertragen.

Bei einigen Spinnerarten lohnt sich gelegentlich das Suchen der Eier. Auf Weidenblättern kann man leicht die einzeln oder paarweise abgelegten rotbraunen Eier des Gabelschwanzes, Dicranura vinula L., finden. Dabei kann man gelegentlich auch einzelne Eier des Abendpfauenauges, Smerinthus ocellatus L., oder des Pappelschwärmers, Amorpha populi L., entdecken. Der Streckfuß, Dasychira pudibunda L., legt die Eier in Spiegeln von 20 bis 200 Stück an Stämmen (vorwiegend Buche) in Manneshöhe gut sichtbar ab. Das flügellose Weibchen des Schlehenspinners, Orgyia antiqua L., befestigt seinen gesamten Eivorrat meist auf dem Puppengespinst. Vom Pappelspinner, Stilpnotia salicis L., kann man oft an Stämmen, Zweigen und auch Blättern die durch einen weißen Überzug geschützten Eigelege entdecken. Die überwinternden Eiringe des Ringelspinners, Malacosoma neustria L., können besonders beim Obstbaumschnitt gesammelt werden. Die mit der Afterwolle des Weibchens bedeckten Eigelege des Schwammspinners, Lymantria dispar L., sind manchmal in Obstanlagen oder Laubholzwaldungen an Stämmen oder Ästen sehr häufig.

Öfter jedoch wird der Naturfreund und Sammler Spinnerfalter an Baumstämmen, Planken, Zäunen, Mauern und Steinen finden. Hier gilt das bei den Bären und Schwärmern Gesagte: Weibchen in eine Pappschachtel bringen und daheim in ein allseitig mit rauem Papier ausgelegtes Glas zur Eiablage setzen. Bei den meisten Spinnerarten ist die Geschlechtsbestimmung recht einfach. Die Männchen besitzen stark gekämmte, dadurch oft dicke Fühler. Bei den Weibchen, die meist schon durch ihren rundlichen, dicken Leib auffallen, sind die Fühler mehr oder weniger ungekämmt, oft fadenförmig.

Sehr lohnend ist der Fang am Licht, obwohl die anfliegenden Weibchen stark in der Minderzahl sind. Vor der Lampe verhalten sich die meisten Spinnerweibchen, im Gegensatz zu Schwärmern und Eulenfaltern, sehr ruhig und lassen sich ohne Schwierigkeit in eine Pappschachtel befördern. Nach meinen Erfahrungen sind anfliegende Weibchen von Spinnern fast stets befruchtet. Die Eiablage erfolgt bei den meisten Arten ohne Schwierigkeit. Beigabe von Zweig oder Stengel der Futterpflanze empfehlenswert.

Da die Männchen der meisten Spinnerarten heftig und ungestüm zu den Weibchen drängen, ist die Verwendung des Anflugkastens besonders erfolgreich. Aus Zuchten zur richtigen Zeit einzeln schlüpfende Weibchen werden gegen Abend in den Kasten gesetzt. Am kommenden Morgen wird man oft eine Kopula vorfinden und damit das Ausgangsmaterial für Zuchten gewinnen. Bewährt hat sich ebenfalls das bereits bei den Bären geschilderte Ausbinden eines Weibchens.

b) durch Raupensuche: Von manchen Arten sind die Raupen leicht und oft in Anzahl zu finden. Die schädlichen Arten, wie Pappelspinner, Stilpnotia salicis L., Schwammspinner, Lymantria dispar L., Goldafter, Euproctis chrysorrhoea L., Ringelspinner, Malacosoma neustria L., und gelegentlich einige andere treten in vielen Gebieten regelmäßig oder jahrweise so häufig auf, dass das Eintragen der Raupen für Zuchtzwecke keine Schwierigkeiten bedeutet. Der Sammler führe auch diese Zuchten mit Sorgfalt durch, denn neben so mancherlei nutzbringenden Erfahrungen wird er einwandfreie Serien für seine Sammlung ernten, die die jeweilige Variationsbreite der Art zeigen. Die Raupen von Nonne, Lymantria monacha L. (83), und Kiefernspinner, Dendrolimus pini L., sind in Anzahl nur dann zu erbeuten, wenn eine Massenvermehrung beginnt oder besteht.

Die nesterweise lebenden Raupen des Wollafters, Eriogaster lanestris L., sind gelegentlich in Birkenschonungen, die des Mondvogels, Phalera bucephala L., an Weiden, Pappeln und Eichen fast überall zu finden. Nester im ganzen abschneiden. Für den Transport haben sich Stoffbeutel bewährt.

Im Herbst kann man besonders auf Wiesen und Heiden im Mittelgebirge in großer Anzahl die erwachsenen Raupen des Brombeerspinners, Macrothylacia rubi L., eintragen. Ebenfalls leicht zu finden sind die Raupen des großen Gabelschwanzes, Dicranura vinula L., die oft in Anzahl an Weiden, Pappeln und Espen sitzen.

Die Suche nach Raupen schult das Auge und im Laufe der Jahre lernt der aufmerksame Sammler "sehen" und wird dann auch die einzeln und versteckt lebenden Tiere der seltenen Arten entdecken und eintragen. Planloses Suchen führt kaum zu Erfolg.

Neben der Kenntnis der jeweiligen Futterpflanze ist das Erkennen der Lebensgemeinschaft, in der sich eine Art bevorzugt aufhält, erforderlich. Darüber hinaus muss der suchende Entomologe wissen, ob die Tiere an Busch oder Baum oder an kümmernden Pflanzen leben, ob sie bei Tag oder bei Nacht fressen, wie das Fraßbild aussieht und wie sich die Raupen verbergen und tarnen.

 

Zuchtmethoden

Die Eizucht erfolgt im allgemeinen wie bei den Bären und Schwärmern in kleinem Glas, Boden mit Papier und etwas Holzwolle ausgelegt, Öffnung mit Papier und Ring verschlossen. Nebenbei sei erwähnt, dass alle Schmetterlingeier vor anhaltender Feuchtigkeit und besonders vor Schimmelbildung zu schützen sind!

Die den Eiern entschlüpfenden Räupchen mancher Spinner haben die Eigenart, sich gegenseitig und oft damit zugleich auch die noch ungeschlüpften Eier mit zahlreichen Gespinstfäden zu überziehen, aus denen es keine Lösung gibt. Andere finden sich auf der Lichtseite des Glases zusammen oder laufen unermüdlich herum, ohne das gereichte Futter anzunehmen.

Wird das Glas mit einer solchen Eizucht völlig dunkel gestellt, gehen die Tiere meist ohne Schwierigkeiten ans Futter. Eine gut schließende Blechschachtel (ohne Löcher!) erfüllt den gleichen Zweck. Öftere Reinigung ist notwendig, da sich unter Luftabschluss sehr schnell Schimmel bildet!

Manche Spinnerraupen lassen sich bei Bewegung oder Berührung schnell fallen, so dass die Entfernung von vertrocknetem Futter oder die Reinigung der Behältnisse ohne Schwierigkeiten erfolgen können. Andere dagegen sitzen so fest, dass der Versuch einer gewaltsamen Lösung oft schwere oder nicht heilbare Verwundungen an den Füßen herbeiführen würde. Solche Tiere werden mit der Sitzunterlage ausgeschnitten.

Bei sehr vielen Spinnerarten ist die Zucht im Beutel, im Freiland ausgebunden, Voraussetzung, um Erfolge zu erzielen. Ein eigener Garten wird dazu oft nicht notwendig sein, da sich durch freundliche Worte mancher Nachbar für ein derartiges Vorhaben gewinnen lässt.

Mit dem Heranwachsen der Tiere werden größere Zuchtgläser verwendet. In einem Glas niemals zu viele Raupen vereinen, nicht unnötig viel Futter geben. Erwachsene Raupen können in Kästen gezüchtet werden.

Bei allen Zuchten ist die Regulierung der Feuchtigkeitsmenge schwierig. Es gibt erfahrene Entomologen, die ein gelegentliches Besprühen der Raupen mit Wasser - aber nur dieser und nicht des Futters - sowie selbst der Eier für angebracht erachten. Ich habe auf eine solche Maßnahme verzichtet, ohne Nachteile zu bemerken. Jedenfalls führt erfahrungsgemäß zuviel Feuchtigkeit sehr leicht zu Darmkrankheiten bei den Raupen. Es gibt allerdings einige Ausnahmen, von denen hier nur die Grasglucke, Cosmotriche potatoria L., genannt sei. Deren Raupen müssen täglich mit Wasser besprüht werden, da sie sonst eingehen. Die Art wird deshalb von den Sammlern auch Trinkerin genannt.

Bei den meisten Arten der Notodontiden ist die Zucht, besonders aus dem Ei, recht schwierig. Einbinden an der Futterpflanze im Freiland und Belassung im Beutel bis knapp vor der Verpuppung sichert am ehesten Erfolge. Dies gilt nicht für den großen Gabelschwanz, Dicranura vinula L., den Mondvogel, Phalera bucephala L., und einige Pygaera-Arten, deren Zucht meist leicht gelingt.

 

Verpuppung

Die Verpuppung der Raupen unserer Spinnerarten erfolgt auf so unterschiedliche Art und Weise, dass sich keine für alle gültige Anweisung geben lässt. In der Tabelle sind unter "Bemerkungen" bei jeder Art die üblichen Orte und Umstände angegeben, so dass der Züchter zumindest einen Hinweis findet, welche Vorbereitungen er für die Verpuppung treffen muss. Die Verpuppungsreife ist bei größeren Spinnerraupen leicht durch die letzte Entleerung des Darmes festzustellen, wobei ein oft fast flüssiger und schleimiger Kot abgesetzt wird.

Für Raupen, die sich an oder in der Erde verpuppen, wird der Zuchtbehälter etwa 10 cm hoch mit Torfmull oder Sägespänen, beides auch 1/2 mit Sand gemischt, gefüllt. Eine 3 bis 5cm starke Lage von trockenem Moos (Sphagnum) und trockenen Buchenblättern als Deckschicht ist vorteilhaft.

Manche Spinnerarten legen, besonders bei Massenzuchten, ihre Puppengespinste übereinandergeschichtet in Klumpen an. Da die in den unteren Schichten schlüpfenden Falter den Klumpen nicht durchdringen können, ist es notwendig, mit einer festen Pinzette zu entwirren, wobei natürlich nur das Gespinst und niemals die Puppe gefasst werden darf. Andere Arten legen ihre mehr oder weniger festen Gespinste oft in Kastenecken zwischen Moos oder an anderen Stellen an, wodurch sie die Weiterverwendung des Kastens verhindern. Auch hier lässt sich in vielen Fällen das Gespinst dann ohne Zerstörung oder Einriss entfernen, wenn es allein am äußeren Rande angefasst und dann vorsichtig abgelöst wird. Voraussetzung ist stets, dass sich die Raupen innerhalb des Gespinstes bereits zur Puppe verwandelt haben.

Einige Spinnerraupen verpuppen sich zwischen Blättern, mit denen das Gespinst abgeschnitten und in den Puppenkasten gelegt wird. Die Raupen der Gabelschwanzarten sowie von Hoplitis milhauseri F. stellen aus zernagtem Holz ein sehr festes Gespinst her. Im Raupenkasten benagen die Tiere die Holzwände, in die sie eine entsprechende Höhlung ausnagen. Bei Zucht im Glas müssen Rindenteile beigegeben werden. Kein frisches Holz oder Rinde verwenden, die sich bei Austrocknung leicht wölben, wodurch die Puppen zerdrückt werden! Die Raupen der anderen Notodontidenarten verpuppen sich an oder in der Erde, einige wenige zwischen Blättern.

Im Puppenkasten werden Spinnerpuppen, die sich im Freiland an oder in der Erde verspinnen, in der üblichen Form zwischen Leinwandläppchen aufbewahrt. Alle anderen Gespinste liegen ebenfalls auf Leinwandläppchen, werden jedoch nicht zugedeckt. Gespinste zwischen Blättern können mit Nadeln an der Wand des Puppenkastens befestigt werden.

 

Überwinterung

Von den heimischen 93 Spinnerarten (ohne Sackträger, Glasflügler und Bohrer) überwintern 20 als Ei, 19 als Raupe und 54 als Puppe.

Eier werden ab Oktober in einem mit Zellstoff lose verschlossenen Tablettengläschen oder in einem kleinen, zugebundenen Leinwandsäckchen an einem vor Regen, Schnee, Sonne und Wind geschützten Platz aufbewahrt, an dem annähernd die jeweilige Außentemperatur herrscht. Geeignet sind Gartenhäuser, Lauben, freie Schuppen und Dachböden. Da erfahrungsgemäß in solchen Räumen die Frühjahrssonne eine höhere Temperatur als im Freiland erzeugt und besonders die nächtliche Abkühlung schwächer ist, werden Eier ab März zweckmäßigerweise in einem kühlen Keller gelagert. Vorzeitiges Schlüpfen der Eier ist meist nachteilig. Wärme erst dann einwirken lassen, wenn Futter in genügender Menge herangewachsen ist.

Schwierigkeiten ergeben sich besonders bei der Raupenüberwinterung.

Die Überwinterung der meisten Raupen kann im Kasten erfolgen. Gute Erfolge sind auch mit Blumentöpfen erzielt worden, die mit Torfmull, Scherben, Moos (Sphagnum) und trockenem Buchenlaub gefüllt werden. Öffnung mit Gaze verbinden oder, wohl besser, anderen größeren Topf (Loch verstopfen!) darüber stülpen.

Aufbewahrung im Gartenhaus, Schuppen oder am Dachboden, jedoch gegen Ende des Winters, bevor Futter beschafft werden kann, kühl stellen.

An Stelle des Überwinterungskastens ist von manchen Züchtern ein kräftiger Leinwandbeutel benutzt worden, der, gefüllt mit Moos und Buchenlaub, im Garten unter Bäumen oder Sträuchern, reichlich mit Laub zugedeckt, den Winter über verbleibt.

Die Raupen mancher Arten überwintern angesponnen an Ästen, so die der Kupferglucke, Gastropacha querifolia L., der Pappelglucke, Gastropacha populifolia Esp., und der Pflaumenglucke, Odonestis pruni L.. Am aussichtsreichsten ist die Überwinterung im Freien im Beutel im Halbschatten. Besteht dazu keine Möglichkeit, so Gazehaube auf Blumentopf verwenden, in die die Zweige gestellt werden. Behälter an den bereits genannten Plätzen vor Sonne, Wind, Regen und Schnee geschützt verwahren, bei frostfreiem Wetter gelegentlich Haube mit Wasser besprühen.

Die meisten Verluste treten nach Beendigung der Frost- oder Schneeperiode und mit dem Beginn wärmeren Wetters ein. In manchen Fällen wird das bei der Überwinterung der Bärenraupen geschilderte, kräftige Bad notwendig sein, damit der erhärtete Kot ausgeschieden und neue Nahrung aufgenommen werden können. Oft genügt jedoch die Verabreichung saftigen Futters. Die an Zweigen überwinternden Raupen dürfen nicht gebadet werden. Sehr klein überwinternde Raupen, so die vom Schwan, Porthesia similis Fuessly, und die vom Goldafter, Euproctis chrysorrhoea L., werden ohne jede Behandlung an das junge Futter gebracht.

Die erwachsenen überwinternden Raupen des Brombeerspinners, Macrothylacia rubi L., gehen im Frühjahr oft an einem Pilz zugrunde. Nimmt man die Raupen nach einer kräftigen Frostperiode, möglichst bereits im Januar, 1 bis 2 Tage ins ungeheizte Zimmer und verabreicht ihnen dann ein kräftiges Bad von etwa 20 °C, bis sie fast ertrunken erscheinen, so wird man oft, wenn auch nicht immer, Erfolg haben. Die Tiere verpuppen sich im geheizten Zimmer zwischen Holzwolle oder Papierknäueln sehr schnell und ergeben etwa 4 Wochen später die Falter.

Für die Überwinterung der Puppen ist der auf Seite 52 geschilderte Kasten vorteilhaft, in den sie, wie üblich, zwischen Leinwandläppchen gelegt werden. Will man Nachzucht oder Anflug von Männchen erzielen, so ist der Puppenkasten im Frühjahr kühl zu stellen, damit die Schlüpfdaten mit denen des Freilandes übereinstimmen.