Zucht von Bären

Erlangung des Zuchtmaterials

a) durch Eiablage: Die meist sehr versteckt lebenden Bärenfalter sind schwer zu finden. Gelegentlich kann man an Stämmen, Pfosten, Zäunen und Mauern (unter Straßenlampen nachsehen!) von den häufigen Arten Weibchen entdecken, wie von Phragmatobia fuliginosa L., Spilarctia lutea Hfn., Spilosoma menthastri Esp. oder Diaphora mendica Cl.. Transport in kleiner Pappdose. Wände möglichst mit rauem Papier ausgelegt, da die Eiablage sehr oft schnell beginnt. Die Männchen von Parasemia plantaginis L. (56) fliegen in den Nachmittagsstunden. Wo sie in die niedrige Vegetation plötzlich einfallen, sitzen manchmal Weibchen.

Erfahrungsgemäß ist der angehende Entomologe zuerst darauf bedacht, seine Sammlung zu vervollständigen. Er lässt deshalb ihm fehlende oder seltene Falter möglichst schnell ins Giftglas wandern. Richtiger ist es aber, nach Feststellung des Geschlechts und Prüfung der eigenen Möglichkeiten zur Zucht die Weibchen zur Eiablage mitzunehmen. Gelegentlich findet man ein Weibchen von Arctia caja L. oder A. villica L., vielleicht einmal im Leben auch eines von Pericallia matronula L. Die Zucht, selbst wenn sie erfolglos verlaufen sollte, ist bedeutungsvoller und befriedigt mehr als das eine Sammlungsexemplar.

Ein großer Teil der Bärenfalter kommt vorwiegend nach Mitternacht gern zum Licht. Allerdings überwiegen die Männchen. Da sich auf dem weißen Tuch die Bären meist ruhig verhalten, ist die Geschlechtsbestimmung leicht möglich.

Geschlechtsmerkmale: Fühler der Männchen meist mehr oder weniger stark gekämmt. Fühler der Weibchen wesentlich dünner, fadenförmig. Hinterleib des Männchens meist in einem mehr oder weniger breiten Haarpinsel auslaufend. Dagegen Hinterleib des Weibchens halbrund gespitzt.

Zur Gewinnung der Eier Weibchen einsperren in kleinen Plastedosen oder in Gläsern (Wassergläsern), deren Boden und 3/4 der Wand mit rauem Papier ausgelegt und die Öffnung mit Papier und Pappring verschlossen wird.

Die Eiablage, die in l bis 3 Tagen vollendet wird, ist in der Gefangenschaft leicht zu erzielen. Die Weibchen, die sich ruhig verhalten, sind nach der Ablage oft noch sammlungsfähig. Die Eier werden in großen, regelmäßigen, zusammenhängenden Partien (Eispiegel) an beliebiger Unterlage befestigt. Vorteilhaft ist raues Papier, aus dem die Gelege ausgeschnitten und in das Zuchtglas gelegt werden.

Von Pappwänden, Holz, Glas u. a. lassen sich die Eier schwer ablösen. Empfehlenswert, Raupen dort schlüpfen zu lassen und mit weichem Pinsel in Zuchtglas zu versetzen.

b) durch Raupensuche: Von unseren Bären werden meist die Raupen gefunden. Von Arctia caja L. kann man in den Frühlingstagen die an Gräsern, Stengel und Binsen sitzenden, etwa l,5 cm großen Raupen manchmal in Anzahl eintragen. An Bach- und Flussrändern sitzen im Mai häufig die 1/2 bis 3/4 erwachsenen Raupen von Callimorpha dominula L. an niedrigen Pflanzen, besonders gern an Brennessel. Auf Mooren und feuchten Schlägen sonnen sich an der niedrigen Vegetation Ende Mai bis Anfang Juni die erwachsenen Raupen von Parasemia plantaginis L. gelegentlich in Anzahl. Auf Straßen, Wegen, Schneisen und an Wiesenrändern laufen im Herbst oft recht zahlreich die Raupen von Phragmatobia fuliginosa L., im August und September von Spilarctia lutea Hfn. und von Spilosoma menthastri Esp.. Andere sind Nachttiere. Hat man im August in einem felsigen Tal oder in einem aufgelassenen Steinbruch die Falter von Callimorpha quadripunctaria Poda beobachtet, die gern auf Dostblüten sitzen, so wird man im Juni des folgenden Jahres, mit einer Laterne bewaffnet, an den Hängen die niedrige Vegetation absuchen. Die Raupen sitzen gern an der Blattunterseite von Brennnesseln, Brombeeren und Himbeeren.

 

Zuchtmethoden

Bei Zucht aus dem Ei kleines Glas vorteilhaft. Boden mit Papier auslegen. Darauf etwas Holzwolle. Glasöffnung mit Papier und Ring fest verschließen. Futter stets völlig trocken reichen, besser etwas angewelkt. Bei Kotanhäufung oder Schimmelbildung die Raupen, die locker sitzen und sich bei Berührung zusammenrollen, mit feinem Pinsel in sauberes Glas umsetzen.

Wachsen die Raupen heran, größeres Glas nehmen, eventuell auf mehrere Gläser verteilen. Zurückbleibende, schwache Raupen absondern. Häufig reinigen. Schimmelbildung vermeiden. Glasöffnung nicht mehr mit Papier, sondern mit Tuch oder Gaze verschließen.

Sind die Raupen 3/4 erwachsen, Zucht in Raupenkästen oder Hauben fortsetzen. An heißen Tagen 2 Mal täglich füttern.

Bärenraupen leben vorwiegend an niedrigen Pflanzen (Löwenzahn, Wegerich, Ampfer, Brennnessel, Taubnessel, Labkraut, Schafgarbe u. a.). Deswegen ist die Zucht im Beutel an der Futterpflanze kaum möglich.

Die meisten Bärenraupen nehmen gern Kohlarten (Wirsing-, Grünkohl, Kohlrabi, Weißkohl, Blumenkohl) sowie Endivien an, was bei Zuchten im Spätherbst, Winter und zeitigen Frühjahr wichtig ist. Die überwinterten Raupen von Callimorpha dominula L. lassen sich leicht an eingetopftem Vergißmeinnicht ziehen.

 

Überwinterung

Bei den meisten Bärenarten überwintert die Raupe. Vorwiegend in diesem Stadium gehen die Zuchten oft zugrunde. Bei einigen Arten, so Chelis maculosa Gern. und Arctia hebe L. scheint die Überwinterung in der Gefangenschaft kaum durchführbar zu sein. Bei anderen gelingt sie bei Anwendung der entsprechenden Maßnahmen.

Für große Raupen ist besonders der Überwinterungskasten zweckmäßig. Für die klein überwinternden Bärenraupen sind Blumentöpfe vorteilhaft, die mit etwas Torfmoos (Sphagnum) und Topfscherben gefüllt, mit Gaze fest verbunden, im Gartenhaus, auf dem Dachboden, in einem ungeheizten Zimmer oder aufgedecktem Balkon verwahrt werden.

Gräbt man diese Töpfe bis zur Hälfte im Garten unter einem Baum in die Erde ein, ist Schutz durch ein Satteldach notwendig.

Ab Oktober kommen die Raupen in den Überwinterungsbehälter. Anfangs einige Himbeer- oder Brombeerblätter beigeben. Bei anhaltender Trockenheit besonders die in Räumen verwahrten Töpfe gelegentlich mit Wasser ansprühen.

Statt eines Topfes kann ein kleiner Holzkasten mit Drahtgazewänden benutzt werden. Manche Züchter verwenden mit gleichem Erfolg Gläser, die zweckmäßigerweise gelegt werden und öfters anzusprühen sind.

Die Verluste bei der Überwinterung treten meist im Frühjahr ein. Mitte März werden die Raupen den Überwinterungsbehältnissen entnommen und in lauwarmem Wasser (etwa 20 °C) in einer Schüssel gebadet. Dadurch soll die gleiche Wirkung erzielt werden, die im Freiland die warmen Frühlingsregen hervorrufen: Der im Winter erhärtete Kot löst sich und wird abgeführt. Das Bad soll energisch erfolgen, und die Tiere sollen bis fast zur Erschöpfung schwimmen. Dann Raupen auf Leinwandläppchen oder Löschpapier legen, an den Ofen oder in Sonne setzen. Sind sie munter, erfolgt die Weiterzucht in der üblichen Form. Das Bad kann, falls notwendig, wiederholt werden.

 

Verpuppung

Die Puppen und Gespinste der Bärenraupen sind meist sehr empfindlich gegen Störungen. Ausnahmen: Spilarctia lutea Hfn., Spilosoma menthastri Esp., Hipocrita jacobaeae L., Arctinia caesarea Goeze und Diaphora mendica Cl., deren überwinternde Puppen aus dem Gespinst genommen und in den Puppenkasten gelegt werden können. Bei Arten, die sich oft in Klumpen oder Nestern gemeinsam verspinnen, ist das notwendig, da andernfalls ein Teil der Tiere nicht schlüpfen kann.

Alle anderen Bärengespinste bleiben unangetastet dort, wo sie die Raupen angelegt haben. Um den damit verbundenen Nachteilen zu entgehen (Stillegung der Zuchtkästen, Ungewissheit über die im Moos verpuppten Tiere u. a.), werden Raupen, die ihre Verpuppungsreife durch anhaltendes, schnelles Umherlaufen verraten, in Papierrollen von 2 bis 2,5 cm Durchmesser, die in der Mitte durch einen Faden gehalten werden, eingesperrt. Der äußere Teil einer Streichholzschachtel erfüllt den gleichen Zweck. Die beiden offenen Enden werden leicht mit Zellstoff oder Watte verschlossen.

Täglich prüfen (auf einer Seite Watte herausnehmen), ob Raupe spinnt. Ist dies der Fall, Watteverschluß entfernen. Legt man Papierrollen oder Schachteln in die Zuchtkästen, verspinnen sich viele Bärenraupen von selbst darin. Rollen oder Schachteln oben mit deutlichem Kreuz (Blaustift) versehen. Bei manchen Arten - Arctia hebe L., Pericallia matronula L. u. a. - darf die Gleichgewichtslage der Puppen nicht geändert werden. Rollen oder Schachteln können bis zum Schlüpfen im Puppenkasten aufbewahrt werden.

 

Treibzucht

Bei manchen Bärenarten ist es möglich, die Winterruhe der Raupen auszuschalten. Dies gelingt leicht und in der Mehrzahl der Fälle bei Phragmatobia fuliginosa L., Parasemia plantaginis L. (bei Flachlandmaterial), Rhyparia purpurata L., Diacrisia sannio L., Arctia caja L., jedoch schwer und mit sehr unterschiedlichem Ergebnis bei Hyphoraia aulica L., Arctia villica L. und Callimor- pha dominula L.. Bei Pericallia matronula L. ist die stets schwierige Zucht nur möglich, wenn von den zwei Wintern, die die Raupe im Freiland verlebt, der erste durch Treibzucht übergangen wird.

Ohne die Anwendung künstlicher Wärmezufuhr wird es nur in den seltensten Fällen gelingen, die Winterruhe auszuschalten. Das Verfahren im Wärmekasten scheint am erfolgreichsten zu sein, wenn bereits die Eiablage des Weibchens in diesem erfolgt.

Bei der gleichmäßigen Wärme und dem geringen Luftwechsel - beides im Wärmekasten unvermeidbar - bildet sich schnell und ausgiebig Schimmel in den Gläsern. Deswegen: Oft reinigen, Holzwolle und Löschpapier regelmäßig wechseln.

Sobald das kritische Überwinterungsstadium, das sich oft durch Freßunlust und ruhiges Verharren am Ort anzeigt, überwunden ist, können die Raupen außerhalb des Wärmekastens in Ofennähe bis zur Verpuppung gezüchtet werden. Als Futter im Wärmekasten hat sich bewährt: Weißkraut, Blätter von Blumenkohl und Endivien. Besonders gern werden die Strünke gefressen, in die sich die Raupen tief einbohren. Günstigste Temperatur im Wärmekasten 28 bis 35 °C. Sinkt aus irgendwelchen Gründen in den Zeiten des Überwinterungsdranges der Tiere die Temperatur erheblich ab, so ist die Fortführung der Treibzucht kaum mehr möglich.