Wissenschaftliche Namen für Schmetterlinge und ihre Regeln

Die Ordnung der Tiere und Pflanzen in einem System setzt eine Benennung der einzelnen Familien, Gattungen und Arten voraus, die, frei von Willkür, allgemein Anerkennung und Verständnis findet und einmalig, endgültig festgelegt ist. Die Grundlage dieser systematischen Wissenschaft schuf Linne in seinem Werke "Systema Naturae", dessen X. Auflage, erschienen 1758, Ausgangspunkt für die gesamte weitere Namensgebung und Einteilung bildet.

Nach diesem bis heute angewandten Verfahren wird eine Art durch zwei (meist) lateinische Namen, den Gattungs- und den Artnamen, bezeichnet, wobei, meist abgekürzt, der Name des Autors zugesetzt wird, der die Art beschrieben und benannt hat. Diese Form der Bezeichnung wird als binäre Nomenklatur bezeichnet. So trägt z. B. der Apollo den wissenschaftlichen Namen Parnassius apollo L. (L. = Linne). Der Gattungsname wird stets mit großem, der Artname mit kleinem Anfangsbuchstaben geschrieben.

Die fortschreitende Erfahrung der letzten Jahrzehnte ergab in zunehmendem Maße, dass viele Schmetterlingsarten an den verschiedenen Orten ihres Vorkommens mehr oder weniger verschieden aussehen und Lokalrassen bilden, die als Unterarten = Subspezies (ssp.) bezeichnet werden. Da eine Benennung notwendig ist, wurde auch in der Entomologie die ternäre Nomenklatur eingeführt, nach der Art und jeweilige Unterart durch 3 Namen bezeichnet werden. So heißt z.B. die in Schweden fliegende Lokalrasse des Apollos, die sogenannte Nominatform, die Linne bei der Erstbeschreibung vorgelegen hat: Parnassius apollo ssp. apollo L. Im Moseltal fliegt der Apollo in einer andersaussehenden Rasse und erhielt deswegen den Namen: Parnassius apollo ssp. vinningensis Steh. Der Zusatz "ssp." wird meist weggelassen, so dass z. B. die ausgestorbene Apollorasse vom Fichtelgebirge Parnassius apollo ancile Fr. genannt wird.

Bei den Schmetterlingen treten, wie bei fast allen Lebewesen, die verschiedensten Abweichungen und Abänderungen insofern auf, als einzelne Tiere unabhängig vom Orte des Vorkommens gegenüber dem Durchschnittsaussehen der jeweiligen Art mehr oder weniger unterschieden sind. So können sich die Farben ganz oder teilweise wandeln, das Zeichnungsmuster kann vermehrt oder vermindert sein, beide Möglichkeiten können mannigfach gekoppelt auftreten, und bei extremen Fällen ist das Erscheinungsbild so geändert, dass die Artzugehörigkeit oft schwer festzustellen ist. Die Ursachen derartiger Abänderungen sind im Einzelfall kaum zu ergründen. Ungewöhnliche Umwelteinflüsse, wie u. a. Hitze oder Kälte während des Puppenstadiums, ebenso jedoch krankhafte Einwirkungen rufen oft Abweichungen in verschiedenster Form hervor. Diese Erscheinungen werden als Modifikationen bezeichnet.

In den vergangenen Zeiten sind vorwiegend von Liebhaberentomologen solche individuellen Abänderungen in weitem Umfange mit Namen bedacht worden, so dass im Laufe der Jahre ein Wust von Benennungen oft kleinster, unwesentlicher Abweichungen entstand, die entweder als Variation (var.) oder Aberration (ab.) bezeichnet wurden. Moderne Wissenschaft und Forschung lehnen dieses bis zur Unvernunft getriebene Verfahren ab. Es liegt keinerlei Notwendigkeit vor, Modifikationen, wie sie bei vielen Lebewesen üblich sind oder vorkommen, mit Namen zu versehen. Lediglich aus Gründen leichterer Verständigungsmöglichkeit möge die Benennung einiger häufig oder selten auftretender, erblich abgeänderter Tiere zweckdienlich sein, so z. B. die bei Bären (Arctiiden) und Blutstropfen (Zygaeniden) vorkommende Umfärbung der üblicherweise roten Flügelpartien in Gelb, ebenso eine weitgehende Schwärzung der gesamten Färbung oder eine völlige Änderung des Zeichnungsmusters bei vielen Arten.

Ob eine Modifikation einen Namen verdient oder nicht, ist allein der Einsicht und dem Takt des Autors zu überlassen. Jedenfalls sind Formen, die im Rahmen der üblichen Variationsbreite einer Art liegen, niemals namensberechtigt.

Die Ausdrücke Variation (var.) und Aberration (ab.) sind in vergangenen Zeiten in so völlig verschiedenem Sinne und so unterschiedlich und unklar angewandt worden, dass deren Verwendung zweckmäßigerweise unterbleibt. Derartige Abweichungen werden als Form=forma, abgekürzt f., bezeichnet. So heißt z. B. die rötliche, häufigere Form des kleinen Schillerfalters: Apatura ilia f. clytie Schiff. Zweifellos namensberechtigt sind jahreszeitlich bedingte Abweichungen (Saisondimorphismus). So trägt z. B. die im Frühjahr fliegende Nominatform des Landkärtchens den Namen Araschnia levana L. und die im Sommer fliegende, stark abweichende 2. Generation die Bezeichnung Araschnia levana gen. aest. prorsa L. (== generatio aestivalis = Sommergeneration). Die Bezeichnung als Form, also in diesem Falle als f. prorsa, ist ebenso zulässig.

Zur Sicherung der wissenschaftlichen Benennung und zur Erlangung allgemein gültiger Richtlinien sind international anerkannte Nomenklaturregeln festgelegt worden, deren wichtigste wie folgt lauten:

  1. Gültig ist nur der Name einer Gattung oder einer Art, mit dem sie zuerst bezeichnet worden ist, unter der Bedingung, dass der Autor den erteilten Namen mit einer Kennzeichnung begleitete (Beschreibung) und die binäre oder ternäre Nomenklatur verwendete (Prioritätsprinzip).
  2. Der einer Gattung gegebene Name darf nur einmal im gesamten Tierreich vorkommen.
  3. Innerhalb einer Gattung darf der Name für eine Art oder Unterart nur einmal auftreten.

Werden die unter l bis 3 genannten Bedingungen erfüllt, so genießt der erteilte Name Vorrang = Priorität allen anderen Benennungen gegenüber. Durch das Prioritätsprinzip sind die Namen der Gattungen, Arten und Unterarten geschützt!

Ein neuer Name eines Tieres, das bereits einen gültigen Namen trägt, ist ungültig und wird als Synonym bezeichnet.

Die zahlreichen, den individuellen Abweichungen (Modifikationen) erteilten Namen genießen nicht den Schutz der Nomenklaturregeln und können demzufolge willkürlich geändert werden.

Bei der Beschreibung einer Art oder Unterart wird ein Exemplar als Typus (Type) bezeichnet. Die anderen vorliegenden Tiere sind Paratypen (früher irrig "Cotypen" genannt).