Wanderfalter

Die Tatsache, dass Schmetterlinge wandern, ist seit langer Zeit bekannt. Bis zum Ende des vergangenen Jahrhunderts bildeten vier Schwärmerarten die klassischen Beispiele für wandernde Falter, nämlich

  • Totenkopf (Acherontia atropos L.)
  • Oleanderschwärmer (Deilephila nerii L.)
  • Linienschwärmer (Celerio lineata livornica Esp.)
  • Große Weinschwärmer (Hippotion celerio L.).

Keine dieser vier Arten ist nördlich der Alpen bodenständig. Aber immer wieder wurden Raupen oder Falter einer dieser Arten in Gebieten nördlich der Alpen gefunden. Die Falter mussten zweifellos aus dem Mittelmeerraum zugeflogen sein. Um den Totenkopf entbrannte ein jahrelanger, in den Fachzeitschriften ausgetragener Streit, ob er nicht doch in unseren Breiten den Winter als Puppe überstehen und lebensfähige Nachkommen hervorbringen könne. Heute ist diese Frage entschieden. Auch der Totenkopf ist eine südliche, bei uns nicht heimische Art, selbst wenn in günstigen Jahren an warmen Plätzen gelegentlich Puppen unseren Winter überleben.

In den letzten Jahrzehnten haben sich unsere Kenntnisse über die Wanderfalter wesentlich erweitert, nicht zuletzt durch die Tätigkeit von zumeist auf ehrenamtlicher Basis betriebenen Wanderfalterforschungszentralen unter der Mitarbeit von Hunderten von Naturfreunden. Wir wissen heute, dass eine nicht geringe Anzahl von Schmetterlingsarten mehr oder weniger regelmäßig wandert.

Die Wanderfalter werden üblicherweise in drei Gruppen unterteilt:

 

I. Gruppe: Saisonwanderer

Es handelt sich hierbei um südliche Arten, die jährlich in wechselnder Menge in Mitteleuropa einfliegen und sich hier fortpflanzen, deren Nachkommen jedoch in unseren Wintern meist zugrunde gehen oder im Herbst nach Süden zurückwandern:

  • Colias croceus Fourc., Postillon
  • Pyrameis atalanta L., Admiral
  • Pyrameis cardui L., Distelfalter
  • Acherontia atropos L., Totenkopf
  • Herse convoivuli L., Windenschwärmer
  • Macroglossum stellatarum L., Taubenschwänzchen
  • Agrotis ypsilon Rott.
  • Rhyacia saucia Hbn.
  • Phytometra gamma L., Gamma-Eule

 

II. Gruppe: Irrgäste

Gelegentlich aus dem Süden oder auch Osten einwandernde Arten, deren Nachkommen unseren Winter nicht überstehen:

  • Lampides boeticus L.
  • Tarucus telicanus Lang
  • Utetheisa pulchella L. (Deiopeia pulchella L.), Punktbär
  • Deilephila nerii L., Oleanderschwärmer
  • Celerio lineata livornica Esp., Linienschwärmer
  • Hippotion celerio L., Großer Weinschwärmer
  • Sideridis vitellina Hbn.
  • Sidemia zollikoferi Frr.
  • Pseudohadena immunda Ev.
  • Laphygma exigua Hbn.
  • Chloridea maritima GrasL
  • Chloridea peltigera Schiff.
  • Chloridea obsoleta F.
  • Melicieptria scutosa Schiff.
  • Cosymbia pupillaria Hbn.
  • Rhodometra sacraria L.
  • Cidaria obstipata F.

Dies nur einige Beispiele für Wanderfalter dieser Gruppe

 

III. Gruppe: Binnenwanderer

Einheimische Arten, die innerhalb ihres mitteleuropäischen Verbreitungsgebietes und gelegentlich auch darüber hinaus Wanderungen unternehmen:

  • Papilio machaon L., Schwalbenschwanz
  • Aporia crataegi L., Baumweißling
  • Pieris brassicae L., Großer Kohlweißling
  • Pieris rapae L., Kleiner Kohlweißling
  • Leucochloe daplidice L., Resedaweißling
  • Colias hyale L., Goldene Acht
  • Colias australis Vrty.
  • Vanessa io L., Tagpfauenauge
  • Vanessa polychloros L., Großer Fuchs
  • Vanessa antiopa L., Trauermantel
  • Argynnis lathonia L., Kleiner Perlmutterfalter
  • Celerio euphorbiae L., Wolfsmilchschwärmer
  • Celerio gallii Rott., Labkrautschwärmer
  • Rhyacia c-nigrum L., Schwarzes C
  • Hyphilare albipuncta F., Weißneckeule
  • Hyphilare 1-album L., Weißes L.
  • Trigonophora meticulosa L., Achateule

Dies nur einige Beispiele für Wanderfalter dieser Gruppe.

Bei der Beobachtung von Wanderfaltern taucht immer wieder die Frage auf, wie sich der ortsgebundene Flug von einer Wanderung unterscheidet. Das ist, wenn es sich bei der Wanderung nicht um Schwärme handelt, oft schwer festzustellen. Sicherstes Merkmal für eine Wanderung ist die Zielstrebigkeit des Fluges, bei dem beachtliche Hindernisse, wie Häuser, Baumgruppen, Büsche, oft sogar große Waldpartien nicht umflogen, sondern unter Beibehaltung der Richtung überflogen werden.

Ferner lässt sich ein Wanderflug annehmen, wenn Falter der gleichen Art in länger andauernder Folge, wobei die Abstände untereinander sehr verschieden sein können, in einer Richtung fliegen, ohne dabei auszuruhen oder Blumen zu besuchen. Ein aufmerksamer Beobachter wird außerdem feststellen, dass der Wanderflug gerader und stetiger ist als das ansonsten übliche Tändeln. All dies gilt ausschließlich für die Tagfalter. Es ist anzunehmen, dass die Nachtfalter sich nicht wesentlich anders verhalten.

Noch vor wenigen Jahrzehnten schien die Nordwanderung mancher Schmetterlinge ein sinnloser Vorgang zu sein, der der Erhaltung der Art widerspricht, denn in unseren Breiten müsste zumindest der größte Teil der Tiere zugrunde gehen. Diese Auffassung hat sich gewandelt, seitdem wir wissen, dass es eine Rückwanderung gibt.

Bei den Arten Colias croceus, Pyrameis atalanta, Pyrameis cardui, Macroglossa stellatarum und Phytometra gamma ist durch zuverlässige Beobachtungen festgestellt worden, dass im Herbst die Falter, also die Nachkommen der im Frühjahr oder im Sommer eingeflogenen Tiere, nach dem Süden zurückwandern.

Bei vielen anderen Arten ist die herbstliche Rückwanderung der Nachkommen eingewanderter Falter sehr wahrscheinlich.

Die Ursachen für die Wanderung gewisser Falterarten, besonders für die Nordwanderungen, konnten bisher nicht zufriedenstellend ermittelt werden. Weder die Annahme von Wanderungen auf Grund großer Trockenheit oder Futtermangel im Heimatgebiet einer Art noch die Erklärung des Wanderns mit einem postglazialen Zurückkehren der Falter in das frühere Verbreitungsareal der Art oder infolge meteorologisch bedingter sexueller Spannungen bringen eine befriedigende Lösung. Auch die von Manfred Koch aufgestellte Theorie, daß Wanderfalter dann abwandern müssen, wenn in einem Gebiet durch die Jahreswitterung das Angebot an Blüten und Nektar und damit an Vitamin E (Tokopherol) zu Ende geht, löste das Problem nicht, wenngleich sie zahlreiche neue Aspekte für die weitere Forschung eröffnete.

Offensichtlich ist die Falterwanderung ein sehr komplexes Geschehen, dessen einzelne Faktoren wir noch nicht genügend kennen und das wir deshalb bisher nur beschreiben, nicht aber erklären können. Auf diesem Gebiete ist die Mitarbeit vieler Freizeitforscher und Sammler sehr erwünscht.